Halloween: Einige Gedanken
2010-10-29 - Eingestellt von Wolf Paul -
Dr. Mark Young, den ich kennenlernte, als er in den frühen Achtizger-Jahren hier in Wien wohnte, und der jetzt Präsident von Denver Seminary ist, war ab 1995 fünfzehn Jahre lang Professor für Weltmission am Dallas Theological Seminary. Hier ist ein Teil eines Vortrags zum Thema Halloween als missionarische Gelegenheit, den er in Dallas gehalten hat:
Also, nach Halloween gehe ich die Strasse entlang, um meine Nachbarn kennenzulernen, und ich klopfe an die Tür des ersten Hauses, das an Halloween dunkel war. Ich stelle mich vor:
Mark: “Mark Young. Haben Sie schon von mir gehört?”
Nachbar: “Ah ja, sie sind der Professor am Seminar!”
Mark: “Richtig, das bin ich. Wir waren Missionare.”
Nachbar: ”Oh, das ist wunderbar, wissen Sie, wir lieben den Herrn wirklich.”
Mark: ”Ah, sehr gut. Mir ist aufgefallen, daß Ihr Haus an Halloween dunkel war …”
Nachbar: ”Ja, wir glauben nicht an Halloween.”
Mark: ”Wirklich?”
Nachbar: ”Nein, nein, wir fahren immer in die Gemeinde, da haben wir ein Erntedankfest.”
Mark: “Wirklich?”
Nachbar: ”Ja, wir glauben, daß Halloween die Nacht des Teufels ist, die Nacht Satans.”
Mark: ”Ernsthaft?”
Nachbar: ”Ja. Wir wollten ohnehin schon mit Ihnen darüber reden. Ihre Kürbis-Laternen waren uns ein Anstoß.”
Mark: ”Wirklich?”
Nachbar: ”Ja. Wissen Sie, vor etlichen Jahrhunderten in England wurden diese Kürbislaternen verwendet, um böse Geister abzuwehren.”
Mark: ”Ah so.”
Also bin ich noch zu den anderen paar Häusern gegangen, die zu Halloween dunkel geblieben waren, und hörte überall im Wesentlichen die gleiche Geschichte. Die dunklen Häuser, wo die Christen wohnen. Die waren alle in der Gemeinde beim Erntedankfest.
Warum? Warum würde ein Christ entscheiden, nicht zu Hause zu sein, in einer Nacht, wo 82 Kinder an der Tür anläuten? Was auf der Welt bewegt einen Christen, so eine Gelegenheit nicht wahrzunehmen?
Also habe ich ein wenig nachgeforscht. Tatsächlich kann man im Internet Geschichten darüber finden, wie diese Kürbislaternen in alten heidnischen Religionen verwendet wurden, Heilige abzuwehren. Hm. Vielleicht ist das Internet nicht der verläßlichste Ort für diese Nachforschungen. Also hab ich keltische Geschichte gelesen, und hab angefangen, das ganze etwas zu verstehen — und dann habe ich mich gefragt, welchen Unterschied macht das eigentlich? Heute, im Jahr 1995, hier in South Garland, in Texas, wozu dienen die Kürbislaternen, dieses kulturelle Artifakt? Wozu dienen sie? Um böse Geister zu vertreiben? Welchen Zweck haben diese Kürbislaternen am 31. Oktober 1995 in South Garland? Denn das ist letztlich die Frage. Was haben diese Laternen bewirkt?
Antwort eines Studenten: Sie haben die Nachbarn willkommen geheissen.
Mark: Genau, sie haben Menschen willkommen geheissen. Sie haben diesen Leuten, diesen Kindern, gesagt, Kommt, läutet an meiner Tür an. Teil einer Struktur? Sicher ist das ein Teil einer Struktur. Die Struktur heißt Nachbarschaft, ein Ort wo Menschen wohnen und ihr gemeinsames Leben organisieren. Welche Bedeutung haben diese 82 Kinder aus der Nachbarschaft in diesen Laternen vor meiner Haustür gesehen? Welche Bedeutung? Süßigkeiten! Dieser Typ hat Süßigkeiten für uns. Vielleicht ist ein netter Kerl.
Und gibts etwas in meiner Weltanschauung, das mich motivieren würde, ein netter Kerl zu sein? Klar, die Liebe Christi! Diese Art der kulturellen Analyse scheint mir viel hilfreicher zu sein als die Frage, welche Bedeutung dieses kulturelle Objekt vor sechshundert Jahren in England hatte; aber Christen sind bereit, ihre Nachbarschaft zu verlassen und nicht zu Hause zu sein, wenn 82 Kinder an ihrer Haustür klingeln, weil sie einer heute geübten Tradition die Bedeutung von vor sechshundert Jahren zuschreiben.
Was Mark in diesem Vortrag nicht anspricht (vielleicht hat er das bei anderer Gelegenheit aufgegriffen, das weiss ich nicht), ist die Tatsache, dass viele Evangelikale meinen, dass die angeblichen historischen Hintergründe von Halloween dem Fest und den damit verbundenen Traditionen irgendeine Art wirksame Kraft (zum Bösen) verleihen, die denen, die damit in Verbindung kommen, schaden kann.
Manche Evangelikale glauben das auch über Weihnachten und Ostern, die ja auch jeweils am Datum eines heidnischen Festes gefeiert werden (Weihnachten zur Winter-Sonnenwende und Ostern zum Zeitpunkt eines Fruchtbarkeitsfestes), und feiern deshalb diese Feste auch nicht.
Bei Halloween ist noch extra bemerkenswert, daß der angebliche historische Hintergrund größtenteils eine moderne Erfindung ist, zusammengeträumt von den Anhängern der neuheidnischen Wicca-Religion, die sich selbst zu legitimieren versucht, indem sie behauptet, vom alten Heidentum abzustammen. Halloween (der Name ist eine Zusammenziehung von “All Hallows Eve”, Vorabend des Allerheiligen-Festes) fällt auf das Datum des keltischen Erntefestes Samhain (“Ende des Sommers”). Klarerweise hatte das auch eine religiöse Komponente, und da die alten Kelten Heiden und Polytheisten waren, hatte es natürlich damit zu tun, und auch die alten Gebräuche hatten Verbindungen dazu. Aber die heutigen Kürbislaternen sind eine amerikanische Erfindung des späten neunzehnten Jahrhunderts, mit den großen orangen Kürbissen, die in der ersten Hälfte desselben Jahrhunderts durch sorgfältige Züchtungsversuche entstanden waren.
Was mir auch auffällt ist daß Evangelikale, die jede Vorstellung ablehnen, daß die Sakramente oder Ordnungen, die Jesus eingesetzt hat, nämlich Taufe und Abendmahl, irgendeine Wirkung haben, und sie auf reine Symbole und Gedächtnishandlungen reduzieren, obwohl 2000 Jahre christlicher Tradition dem widersprechen, plötzlich den Ritualen und pseudo-historischen Verbindungen von Festen, die von neuheidnischen Religionen erfunden wurden, magische Kräfte zuschreiben, vor denen man Angst haben muß.
Ich glaube, daß das einen mangelnden Glauben an die Kraft Gottes zur Ursache hat, was dann natürlich folgerichtig zu einer übertriebenen Angst vor der Kraft des Teufels führt.
Und solange die Gemeinde Jesu dieses Thema nicht in Angriff nimmt, werden Christen auch weiterhin alle möglichen missionarischen Gelegenheiten ignorieren und sich vor den teuflischen Gefahren, die sie in der Kultur um uns herum sehen, in ihrer christlichen Wagenburg verschanzen.
(Dieser Artikel wurde durch einen Artikel im Blog Parchment and Pen von C. Michael Patton, und die darauffolgende Diskussion, inspiriert.)
Eingestellt am: 2010-10-29
Abgelegt unter: Blog Deutsch, Christentum, Christliche Einheit, Theologie







Umdenken « Reinalds Ramblings
November 1st, 2010 at 15:06
[...] dem einen Artikel geht es um Israel, beim anderen um Haloween: Viel Spass beim Nachdenken und [...]
Lukas
November 2nd, 2010 at 18:34
danke schön, Wolf. Manche haben gesagt, wenn ich mich richtig erinnere, dass es nicht um die Entsorgung, sondern um die Erlösung, die Wiederherstellung des Kaputten, des Verdrehten – oder gar Verkehrten – geht. Mag Halloween, das Sonnwendfest und was uns sonst noch einfällt – wir Menschen selbst – auch vielleicht nicht so sein, wie sich der Höchste das gedacht hat, aber scheinbar arbeitet er daran und gibt nicht auf…
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