In den Spuren Jesu wandeln … ?
2010-09-21 - Eingestellt von Wolf Paul - 1 Kommentar
Während der letzten paar Monate gab es in unserem Gemeindeblatt jeden Sonntag eine Ankündigung einer Israelreise im November 2010. Die Reise wurde jetzt um einige Monate verschoben, und ich hätte ohnehin kein Geld dafür, aber es hat mich angeregt, wieder mal über ein paar Dinge nachzudenken.
Würde ich gerne nach Israel fahren? Würde ich auf so eine Gruppenreise mitfahren? Warum? Was erwarte ich mir davon? Wäre es das Geld wert?
Wenn ich mir die üblichen Broschüren von Reiseunternehmen, die Reisen ins “Heilige Land” anbieten, so ansehe, und wenn ich meinen Freunden zuhöre, die bereits ein oder mehrmals auf so einer Reise waren, dann ist eine der großen Attraktionen “in den Fußstapfen Jesu zu wandeln”, mit eigenen Augen die Plätze zu sehen, wo er geboren wurde, wo er seine Wunder vollbracht hat, wo er gelitten hat und gekreuzigt wurde, sowie das Grab, in das er gelegt wurde und aus dem er auferstand.
Liebe Leute, das läßt mich ziemlich kalt. Schließlich sind wir ja nicht berufen, zu wandeln WO Jesus wandelte, sondern dort wo wir sind SO zu wandeln und zu leben wie er, und ich bin ziemlich sicher, daß mich eine Reise nach Israel ihm nicht wirklich ähnlicher machen würde. Deshalb beneide ich die Leute kaum, die sich solche Reisen leisten können.
Was mich sehr wohl interessieren würde wäre die Gelegenheit, für ein paar Monate oder länger nach Israel zu gehen und dort zu wohnen; zu erleben, wie normale Israelis, sowohl Araber als auch Juden, leben und arbeiten; in einer Gemeinde Messianischer Juden mitzuleben; an den Festen teilzunehmen, die Gott seinem Volk gegeben hat (auch wenn ich als Christ aus den Nationen nicht gebunden bin, diese Feste zu halten); Hebräisch zu lernen und tatsächlich zu sprechen.
Aber es sind nicht nur die Christen, die auf diese Art über das Heilige Land sprechen. Heute morgen habe ich Ö1 gehört, den Klassiksender des Österreichischen Rundfunks, und eine Sprecherin hat in andächtigem Ton von einem Konzertsaal gesprochen, wo es ein Klavier gibt, dessen Tasten Brahms berührt hat, und einen Fußboden, dessen Parkett aus der Wohnung von Beethoven stammt, auf dem er selbst gestanden ist. Hat mir nur noch gefehlt, daß es dort eine Toilette gibt, auf der Mozart gesessen ist. Das ist doch alles nur sentimentaler Unsinn!
Genauso wie wir als Christen berufen sind, nicht DORT zu wandeln, WO Jesus gewandelt ist, sondern SO zu wandeln und zu leben, daß es seinem Leben und seiner Botschaft entspricht, genauso ist ein Musiker nicht berufen, die Klaviertasten zu berühren, die Brahms berührt hat, oder auf dem Boden zu stehen, wo Beethoven gestanden ist (von Mozarts Kloschüssel ganz zu schweigen), sondern er ist berufen, die Musik dieser Komponisten so zu üben, daß er sie in angemessener Weise spielen kann. Und genausowenig wie ich Jesus ähnlicher werde, indem ich an den Ufern des Sees von Gennesaret spazieren gehe, genausowenig wird ein Pianist besser, indem er auf den weißen und schwarzen Tasten klimpert, auf denen schon Brahms geklimpert hat.
Versteht mich nicht falsch: ich habe überhaupt nichts dagegen, daß Leute nach Israel fahren; im Gegenteil, das Land braucht diese Unterstützung, und die Leute könnten in ihrem Urlaub schlimmere Dinge tun (und manche tuns auch); aber ich wünsche uns allen, daß wir uns nicht der Illusion hingeben, daß eine solche Reise irgendwie ein geistliches Allheilmittel sein könnte.
P.S. Habe gerade die Geschichte gelesen von der Mutter in England, die ihr Baby dem Papst zum Küssen reichte und irgendwie einen besonderen Segen davon erwartet. Ich habe wirklich viel Hochachtung für Benedikt XVI, aber mal ganz abgesehen von all den Dingen, wo ich mit ihm als römischem Katholiken und Papst ganz anderer Meinung bin, ist das genau in der gleichen Kategorie anzusiedeln wie die Leuter, die über den Klaviertasten Brahms in Verzückung geraten oder in einem Spaziergang am See Gennesaret die Lösung ihrer geistlichen Probleme sehen.
Eingestellt am: 2010-09-21
Abgelegt unter: Blog Deutsch, Christentum







Umdenken « Reinalds Ramblings
November 1st, 2010 at 15:04
[...] dem einen Artikel geht es um Israel, beim anderen um Haloween: Viel Spass beim Nachdenken und [...]
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